ATEX für Einsteiger
Zuletzt aktualisiert: März 2026 · Basierend auf IEC 60079 (Ausgabe 2020) und ATEX 2014/34/EU
Was ist ATEX?
ATEX ist eine Reihe von Vorschriften der Europäischen Union, die regeln, wie Arbeitsplätze und Geräte mit Explosionsrisiken umgehen müssen. Der Name leitet sich vom französischen „ATmosphères EXplosibles“ – explosive Atmosphären – ab.
Praktisch gesehen beantwortet ATEX zwei Fragen:
- Für Arbeitgeber: Wo in Ihrer Einrichtung könnte es zu einer Explosion kommen und was müssen Sie dagegen tun?
- Für Gerätehersteller: Welche Normen muss Ihr Produkt erfüllen, bevor es für den Einsatz an diesen Orten verkauft werden darf?
Wenn Sie in der Öl- und Gasindustrie, der chemischen Industrie, der pharmazeutischen Industrie, der Lebensmittelverarbeitung, dem Bergbau oder einer anderen Branche tätig sind, in der mit brennbaren Gasen, Dämpfen oder Staub zu tun haben, gilt ATEX auch für Sie.
Warum brauchen wir ATEX?
Für eine Explosion sind drei Dinge erforderlich:
- Brennstoff – ein brennbares Gas, ein Dampf, ein Nebel oder ein brennbarer Staub
- Luft – Sauerstoff (überall vorhanden)
- Eine Zündquelle – ein Funke, eine heiße Oberfläche, eine Flamme oder sogar statische Elektrizität
Dies wird als Feuerdreieck bezeichnet. Wenn alle drei Faktoren zur gleichen Zeit und am gleichen Ort zusammenkommen, kommt es zu einer Explosion.
Viele industrielle Prozesse erzeugen unvermeidlich brennbare Atmosphären. Eine Raffinerie verarbeitet Kohlenwasserstoffe. Eine Getreidemühle erzeugt brennbaren Staub. Eine Lackiererei verwendet flüchtige Lösungsmittel. Man kann weder den Brennstoff noch die Luft entfernen. Daher liegt der Schwerpunkt auf der Kontrolle der Zündquellen und der Überwachung der Bereiche, in denen sich brennbare Atmosphären bilden können.
Das ist die Aufgabe von ATEX.
Die beiden ATEX-Richtlinien
Es gibt eigentlich zwei separate ATEX-Vorschriften:
1. Die Geräte-Richtlinie (2014/34/EU)
Diese schreibt den Herstellern vor, welche Anforderungen Geräte erfüllen müssen, bevor sie für den Einsatz in explosionsgefährdeten Bereichen verkauft werden dürfen. Die Geräte müssen geprüft, zertifiziert und mit einem CE-Zeichen gekennzeichnet sein. Das ist es, was man normalerweise unter „ATEX-Zertifizierung” versteht. Für internationale Märkte siehe auch ATEX vs. IECEx.
2. Die Arbeitsstättenrichtlinie (1999/92/EG)
Diese Richtlinie legt fest, was Arbeitgeber zum Schutz ihrer Arbeitnehmer tun müssen. Sie müssen feststellen, wo explosionsgefährdete Bereiche entstehen können, diese Bereiche in Zonen einteilen, die richtigen Geräte für jede Zone auswählen und alles in einem Explosionsschutzdokument dokumentieren.
Beide Richtlinien wirken zusammen. Der Hersteller stellt sichere Geräte her, der Arbeitgeber setzt sie an der richtigen Stelle ein.
Zonen: Einstufung des Risikos
Nicht jeder Teil einer Anlage ist gleich gefährlich. In einigen Bereichen sind immer brennbare Gase vorhanden, in anderen nur selten. ATEX verwendet ein Zonensystem, um jeden Bereich danach zu bewerten, wie oft eine explosionsfähige Atmosphäre auftritt:
Für Gas, Dampf oder Nebel
| Zone | Wie oft? | Einfache Sprache |
|---|---|---|
| Zone 0 | Ständig oder meistens | In einem Kraftstofftank, in einem chemischen Reaktor |
| Zone 1 | Manchmal, während des normalen Betriebs | In der Nähe von Pumpendichtungen, in der Nähe von Entlüftungsöffnungen, um Ladestellen herum |
| Zone 2 | Selten und nur kurzzeitig | In der Nähe von Rohrflanschen, um Geräte herum, die bei einem Bruch auslaufen könnten |
Für brennbaren Staub
| Zone | Wie oft? | Einfach ausgedrückt |
|---|---|---|
| Zone 20 | Ständig oder meistens | In Silos, in Mahlgeräten |
| Zone 21 | Manchmal, während des normalen Betriebs | Um Befüllstationen herum, offene Förderbandübergaben |
| Zone 22 | Selten und nur kurzzeitig | Bereiche, in denen sich Staubschichten ansammeln und aufgewirbelt werden können |
Je höher die Zonennummer, desto geringer das Risiko. Zone 0 ist die gefährlichste, Zone 2 die ungefährlichste. Bereiche außerhalb aller Zonen werden als „sichere Bereiche” oder „nicht gefährlich” bezeichnet.
Gerätekategorien: Anpassung der Geräte an die Zonen
Jede Zone erfordert Geräte, die einem bestimmten Sicherheitsniveau entsprechen. ATEX verwendet Kategorien zur Einstufung von Geräten:
| Gerätekategorie | Kann verwendet werden in | Sicherheitsstufe |
|---|---|---|
| Kategorie 1 | Zone 0, 1 oder 2 (Gas) / Zone 20, 21 oder 22 (Staub) | Sehr hoch – sicher, selbst wenn zwei Dinge gleichzeitig schiefgehen |
| Kategorie 2 | Zone 1 oder 2 (Gas) / Zone 21 oder 22 (Staub) | Hoch – sicher, selbst wenn ein Fehler auftritt |
| Kategorie 3 | Nur Zone 2 (Gas) / Nur Zone 22 (Staub) | Normal – sicher bei normalem Betrieb |
Einfache Regel: Geräte höherer Kategorien können immer in Zonen mit geringerem Risiko verwendet werden. Geräte der Kategorie 1 funktionieren überall. Geräte der Kategorie 3 funktionieren nur in Zone 2 (dem Bereich mit dem geringsten Risiko).
Schutzmethoden: Wie Geräte sicher gemacht werden
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Geräte für explosionsgefährdete Bereiche sicher zu machen. Jede Methode hat einen Buchstabencode:
Die gängigsten Methoden
| Code | Name | Funktionsweise (vereinfacht) |
|---|---|---|
| Ex d | Flammendicht (explosionsgeschützt) | Schwerer Metallkasten, der einer internen Explosion standhält und verhindert, dass die Flamme nach außen gelangt |
| Ex i | Eigensicher | Begrenzt die elektrische Leistung so stark, dass keine Funken entstehen können, die stark genug sind, um etwas zu entzünden |
| Ex e | Erhöhte Sicherheit | Verhindert von vornherein das Entstehen von Funken und Lichtbögen (keine beweglichen Kontakte, zusätzliche Abstände) |
| Ex p | Druckbeaufschlagung | Hält den Luftdruck im Gehäuse aufrecht, sodass kein Gas eindringen kann |
| Ex m | Verkapselung | Versiegelt die gefährlichen Teile in festem Harz, sodass nichts austreten kann |
| Ex t | Schutz durch Gehäuse (Staub) | Staubdichtes Gehäuse, das brennbaren Staub fernhält und die Oberflächentemperatur begrenzt |
Verschiedene Schutzmethoden eignen sich für unterschiedliche Anwendungen. Schwere Motoren verwenden Ex d. Empfindliche Instrumente verwenden Ex i. Anschlusskästen verwenden Ex e. Große Schalttafeln verwenden Ex p.
Lesen des Etiketts
ATEX-Geräte verfügen über ein Etikett (Typenschild) mit verschlüsselten Informationen. So sieht ein typisches Etikett aus:
CE 0344
⚠ II 2 G Ex d IIC T4 Gb
Aufschlüsselung (weitere Beispiele finden Sie unter „Lesen eines ATEX-Typenschilds”):
- CE 0344 – EU-zugelassen, geprüft durch die Zertifizierungsstelle Nr. 0344
- ⚠ – ATEX-Symbol (Sechseck)
- II – Gruppe II (Oberflächenindustrie, nicht Bergbau)
- 2 – Kategorie 2 (geeignet für Zone 1)
- G – Für gasförmige Atmosphären
- Ex d – Schutzart: druckfeste Kapselung
- IIC — Geeignet für alle Gasgruppen (einschließlich Wasserstoff)
- T4 – Maximale Oberflächentemperatur: 135 °C
- Gb – Geräteschutzklasse: Zone 1-zertifiziert
→ Vollständige Anleitung zum Lesen von Typenschildern mit weiteren Beispielen
Gasgruppen: Welche Gase?
Verschiedene Gase entzünden sich bei unterschiedlichen Energieniveaus. Geräte sind für bestimmte Gasgruppen klassifiziert:
| Gruppe | Gängige Gase | Gefahrenstufe |
|---|---|---|
| IIA | Propan, Methan, Butan, Ammoniak | Am einfachsten zu schützen |
| IIB | Ethylen, einige Lösungsmittel | Mittel |
| IIC | Wasserstoff, Acetylen | Am anspruchsvollsten (entzündet sich am leichtesten) |
Wichtige Regel: Geräte mit der Klassifizierung IIC können mit jedem Gas verwendet werden. Geräte mit der Klassifizierung IIA dürfen nur mit IIA-Gasen verwendet werden. Halten Sie sich immer an die Gasgruppe Ihrer Umgebung oder wählen Sie eine höhere.
Temperaturklassen: Wie heiß kann es werden?
Jedes brennbare Gas hat eine Selbstentzündungstemperatur – die Temperatur, bei der es sich ohne Funkenbildung entzündet. Geräte dürfen niemals heißer als diese Temperatur werden.
| T-Klasse | Maximale Oberflächentemperatur |
|---|---|
| T1 | 450 °C |
| T2 | 300 °C |
| T3 | 200 °C |
| T4 | 135 °C |
| T5 | 100 °C |
| T6 | 85 °C |
Höhere T-Zahl = niedrigere Temperatur = sicherer für mehr Gase. T6-Geräte sind am restriktivsten (bleiben am kühlsten) und funktionieren mit fast allen Gasen.
ATEX vs. IECEx: Was ist der Unterschied?
Es gibt zwei Zertifizierungssysteme:
- ATEX – EU-Recht. Erforderlich für den Verkauf von Geräten in Europa. Mit CE-Kennzeichnung.
- IECEx – Internationale Norm. Freiwillig. In über 60 Ländern außerhalb der EU anerkannt.
Beide zertifizieren nach denselben technischen Normen (IEC 60079-Reihe). Der Unterschied ist rechtlicher Natur: ATEX ist in Europa obligatorisch, IECEx ist freiwillig, aber weltweit anerkannt. Viele Produkte tragen beide Zertifizierungen.
Wer muss über ATEX Bescheid wissen?
Wenn Sie Arbeitgeber oder Standortleiter sind
Sie müssen:
- Gefährliche Bereiche identifizieren und in Zonen einteilen
- ein Explosionsschutzdokument (EPD) erstellen
- sicherstellen, dass in jeder Zone nur Geräte mit der richtigen Schutzklasse verwendet werden
- Ihre Mitarbeiter schulen
- die Geräte warten und die Klassifizierungen überprüfen, wenn sich etwas ändert
Wenn Sie Ingenieur oder Konstrukteur sind
müssen Sie:
- Geräte mit der richtigen Kategorie, Gasgruppe und Temperaturklasse für jede Zone auswählen
- Planen Sie Installationen gemäß IEC 60079-14 (Installationsnorm)
- Für eine ordnungsgemäße Erdung, Auswahl der Kabelverschraubungen und Trennung der Stromkreise sorgen
Wenn Sie Hersteller sind
Sie müssen:
- Geräte so konstruieren, dass sie die grundlegenden Gesundheits- und Sicherheitsanforderungen der Richtlinie 2014/34/EU erfüllen
- Lassen Sie die Geräte von einer benannten Stelle prüfen und zertifizieren (für Kategorie 1 und die meisten Geräte der Kategorie 2).
- die CE-Kennzeichnung anbringen und technische Unterlagen bereitstellen
Wenn Sie Elektriker oder Techniker sind
Sie müssen:
- Ex-Geräte korrekt installieren (Drehmomentspezifikationen, Kabelverschraubungen, Schaltplandokumentation)
- Ex-Geräte gemäß IEC 60079-17 (Prüfnorm) überprüfen
- Ex-Geräte niemals ohne Genehmigung modifizieren
- die Kennzeichnungen auf den Geräten, mit denen Sie arbeiten, verstehen
Häufige Fragen von Einsteigern
Gilt ATEX nur für elektrische Geräte?
Nein. ATEX gilt für elektrische und nicht-elektrische Geräte. Mechanische Geräte wie Pumpen, Ventilatoren, Fördersysteme und Handwerkzeuge können ebenfalls Zündquellen (Reibung, heiße Oberflächen, mechanische Funken) erzeugen und benötigen eine ATEX-Zertifizierung, wenn sie in explosionsgefährdeten Bereichen eingesetzt werden.
Gilt ATEX auch außerhalb Europas?
Die ATEX-Richtlinien sind EU-Recht und gelten daher direkt in den EU-/EWR-Ländern. Andere Länder haben ihre eigenen Vorschriften (NEC in den USA, AS/NZS in Australien usw.), aber viele beziehen sich auf die gleichen IEC 60079-Normen. IECEx ist das internationale Äquivalent.
Was passiert, wenn ich die falsche Ausrüstung verwende?
Die Verwendung nicht zertifizierter Geräte in einem explosionsgefährdeten Bereich stellt einen Rechtsverstoß dar. Noch wichtiger ist, dass dadurch eine echte Explosionsgefahr entsteht. Geräte, die nicht für die Zone zugelassen sind, können heiße Oberflächen, funkenbildende Kontakte oder eine unzureichende Gehäuseintegrität aufweisen. Im Falle eines Vorfalls liegt die Haftung beim Arbeitgeber und möglicherweise beim Installateur.
Darf ich ATEX-Geräte modifizieren?
Nein. Jede Änderung (Bohren von Löchern, Hinzufügen von Kabeleinführungen, Austauschen von Komponenten, Schweißen, Lackieren von druckfesten Verbindungen) führt zum Erlöschen der Zertifizierung. Änderungen müssen vom Originalhersteller oder einer zertifizierten Reparaturwerkstatt durchgeführt werden.
Wie fange ich mit der ATEX-Konformität an?
- Identifizieren Sie alle brennbaren Stoffe in Ihrer Anlage.
- Bestimmen Sie, wo sich explosive Atmosphären bilden können
- Klassifizieren Sie diese Bereiche in Zonen (ziehen Sie die Beauftragung eines Spezialisten in Betracht).
- Überprüfen Sie alle vorhandenen Geräte hinsichtlich der Zonenanforderungen
- Ersetzen oder rüsten Sie nicht konforme Geräte auf
- Erstellen Sie Ihr Explosionsschutzdokument
- Schulen Sie Ihr Team
Glossar wichtiger Begriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| ATEX | ATmosphères EXplosibles – EU-Rahmenwerk für Explosionsschutz |
| IECEx | Internationales Zertifizierungssystem für Ex-Geräte |
| Ex | Präfix für explosionsgeschützte Geräte |
| Zone | Klassifizierter Bereich basierend auf der Häufigkeit explosiver Atmosphären |
| Kategorie | Sicherheitsbewertung der Geräte (1 = höchste, 3 = niedrigste) |
| EPL | Geräte-Schutzklasse (Ga/Gb/Gc für Gas, Da/Db/Dc für Staub) |
| Gasgruppe | IIA/IIB/IIC – klassifiziert Gase nach ihrer Zündempfindlichkeit |
| T-Klasse | Temperaturklasse (T1–T6) – maximale Oberflächentemperatur der Geräte |
| Benannte Stelle | Organisation, die zur Prüfung und Zertifizierung von ATEX-Geräten befugt ist |
| CE-Kennzeichnung | Kennzeichnung, die die EU-Konformität angibt (für den EU-Markt erforderlich) |
| EPD | Explosionsschutzdokument (Dokumentation zur Arbeitssicherheit) |
| LEL | Untere Explosionsgrenze – minimale Gaskonzentration für eine Explosion |
| AIT | Selbstentzündungstemperatur – Temperatur, bei der sich Gas selbst entzündet |
| MESG | Maximaler experimenteller Sicherheitsabstand – bestimmt die Klassifizierung der Gasgruppe |
| IP-Schutzart | Ingress Protection – Staub- und Wasserbeständigkeit von Gehäusen |
Weiterführende Informationen
Nachdem Sie nun die Grundlagen verstanden haben, können Sie sich mit den Themen befassen, die für Ihre Rolle am wichtigsten sind:
- Grundlagen – Vertiefung der Kenntnisse über das Feuerdreieck, explosionsfähige Atmosphären und Zündquellen
- Zonenklassifizierung – Wie Zonen festgelegt werden und was sie bedeuten
- Schutzmethoden – Alle Ex-Typen mit technischen Details erklärt
- Lesen von ATEX-Typenschildern – Praktischer Leitfaden zum Entschlüsseln von Geräteetiketten
- ATEX-Richtlinie – Vollständiger Leitfaden zu den Vorschriften für Hersteller und Compliance-Beauftragte
- Spickzettel – Schnellübersicht zu Zonen, Kategorien, T-Klassen und Gasgruppen
Zusammengestellt aus der IEC 60079-Reihe, ATEX 2014/34/EU und IECEx-Betriebsdokumenten. Dieser Leitfaden ersetzt keine offiziellen Normen oder zertifizierten Standortbewertungen. Konsultieren Sie für Ihre spezifische Anwendung immer die geltende Normenausgabe und einen qualifizierten Ex-Ingenieur.